Die Kunstaktionen von Eckhard Zylla

von Friedrich Köllmayr

In endlosen Kunstdebatten wird immer wieder beklagt, dass gerade in München, der "Kir-Royal"- und "Schicki-Micki"- Gesellschaft, zwar alles möglich und erlaubt sei, nichts aber mehr Widerhaken habe. Kunst die nur in Galerien abläuft oder Wohnzimmerwände ziert, kann halt nur schwer wirksam werden; dazu muß sie raus, öffentlich werden.
Und so macht Eckhard Zylla nun seit über zehn Jahren diese Malaktionen. Woher er die Energie dazu hat? Doch wohl auch aus einer gehörigen Portion Wut über so vieles, was falsch läuft in der Welt und in diesem unserem Lande: Wut über die Hochrüstung, über die gewinnbringende Vernichtung der Umwelt, über die Heuchelei so mancher Herrschenden, über die Verfälschung der Geschichte, um sie tagespolitisch zur Erschlagung des Gegners nutzen.
Herkömmliches Kunstverständnis kann so etwas nur verdächtig sein. Kunst und Engagement schließen sich doch angeblich aus - als ob das in Jahrtausenden Kunstgeschichte je so gewesen wäre! Immer wieder macht Eckhard Zylla "solche Sachen"! Und dabei kann er doch auch so richtig schön malen, Landschaftsaquarelle zum Beispiel, von Italien, Lanzerote, der Türkei, ja von Oberbayern, mit glücklichen Kühen sogar. Nur heile Welt, für Werbekalender von Banken? Aber auf manchen Bildern sind da z.B. wieder diese Tiefflieger, die die herrliche Wieskirche beinahe zum Einsturz gebracht hätten - Kunst und Politik haben eben gar nichts miteinander zu tun!
Illusionsloser Optimist, der er ist, kann Eckhard Zylla mit immer wieder neuer, fast kindlicher Freude erzählen, wie oft es im gelungen ist, Denkanstöße zu geben; so sind im die Fälle, wenn Ordnungsbehörden glaubten, Maßnahmen ergreifen zu müssen, Beweis dafür, dass diese Kunst provozieren kann, "anstößig" ist im Sinne eines Denkanstoßes. So wenn bei der Aktion 1986 "Ein Denkmal für Kurt Eisner", zusammen mit dem Verein "Das andere Bayern", der hilflos-freundliche Polizist immer wieder verzweifelt fragte, ob das jetz Kunst sei oder Politik: Kunst dürfe spontan und unangemeldet sein, Politik nicht. Und immer wieder flehte er über Sprechfunkgerät den Beistand seiner Oberen herbei, die das auch nicht wußten.
Oder bei der Kunstaktion zum Katholikentag 1984, als das riesige Kreuz am Hang des Schuttberges, gegenüber dem Ort der Veranstaltung, dem Olympiastadion, nach zwei Tagen weggeräumt werden mußte, unter dem Vorwand, der Rasen könnte unter der Plastikfolie Schaden leiden - dabei ist das alles andere als Rasen, es sind die geschundene Reste von Grasbewuchs.
Eckhard Zylla würde das wohl als "kleinen Terrorismus" bezeichnen, die diebische Freude, wenn ein nobler Auftraggeber zuerst glaubt, mit so einer hübschen Malaktion vom Zylla hübsch unterhalten zu können und sich das Ergebnis dann nicht mehr steuern läßt: so bei der Malaktion "Kieler 100-Jahresbilder" 1983, mit dem vehementen Finale, das an 100 Jahre Kriegshafen Kiel und den damals aktuellen Falkland-Krieg erinnerte.
Selbst im Berufsverband, dessen Vorstand und Jury Eckhard Zylla länger angehörte, gibt`s da immer wieder Diskussionen: soll eine Jury nur werten, wie etwas gemalt ist, oder soll daneben auch berücksichtigt werden, was da gemalt ist? Manchen selbst unter seinen Künstlerkollegen bleibt offenbar Eckhard Zyllas Fähigkeit der Verbindung des künstlerisch Gekonnten mit dem gesellschaftlichen Wollen unheimlich, unbequem. Für Zylla ein weiterer Beleg dafür, dass seine Malaktionen nötig sind; und wenn sie als ständige Frage verstanden werden, ob l`art pour l`art, Kunst nur um ihrer selbst willen, genug sein kann.
Sein Anliegen, dass man wissen sollte, was man malt, brachte Eckhard Zylla auch darauf, mit Frieder Köllmayr vom Verein "Das andere Bayern" einige seiner Malausflüge mit kritischer Führung zu begleiten: bevor der Malkurs ans Malen ging, bei Andechs, Altomünster, Reutberg, in wunderschönen Landschaften und vor wirklichen Symbolen für "Bayern", wurde den Teilnehmern der historisch- gesellschaftliche Hintergrund der Kunstwerke erläutert, aber durchaus auch der hohe Rang der Kunstwerke. Die Reaktion der Teilnehmer unterschiedlichster Herkunft und Einstellung war durchweg positiv: man malt anders, wenn man weiß, was man malt.
Ob man über Kunst etwas verändern kann? Für Eckhard Zylla ist das eine ganz falsche Fragestellung. Er selbst will sich in solchen Aktionen befreien, will seine Wut produktiv werden lassen. Umso besser, wenn die Mitmalenden und wenn die Betrachter diese Wut nachvollziehen und die Befreiung. Das sich da einer befreit, kann auch auf andere befreiend wirken. Und umso besser, wenn diese Art Infektion dazu noch Spaß macht!